Ich kann mich noch an die Mitte der neunziger Jahre erinnern. In meinem WG Zimmer stand ein 36,6-Modem, auf dem Schreibtisch ein gefühlt 50 KG schwerer 17″ Monitor und darunter ein ca. ein Meter hohes Gehäuse für meinen Rechner. Davor saß ich.

Ich hatte gerade meine dritte E-Mail Adresse eingerichtet. In einer Zeit, als die Welt gerade gelernt hatte, ein Fax zu bedienen. Warum ich das gemacht hatte? Zum einen, weil ich es konnte. Auf der anderen Seite war ich damals bereits überzeugt, dass E-Mail die Art der Kommunikation verändern wird. Weg von Briefen und Fax. Hin zur nahezu Echtzeit-Schriftkommunikation.

Allerdings war ich recht alleine mit meiner Begeisterung. 9 von 10 Personen in meinem Umfeld wussten noch nicht einmal, was eine E-Mail überhaupt ist. Geschweige denn, warum man so etwas besitzen müsste.

Im Laufe der letzten 20 Jahre habe ich viele technische Innovationen miterleben dürfen, die in der gleichen Art und Weise Beachtung gefunden hatten. Im Stillen gewachsen, erst ignoriert, dann belächelt, festgestellt „das machen ja immer mehr“, selber genutzt und zu Guter Letzt nicht mehr aus dem Leben wegzudenken.

Ob das World Wide Web (also unser aktuelles Internet), die E-Mail, Online-Dienste, das Internet der Dinge, es gibt viel zu entdecken. So wie aktuell hautnah mitzuerleben, die Blockchain. Eine Technologie, die sich mittels einer darauf basierenden digitalen Währung seit 2009 aus dem Schatten ins Licht bewegt hat und sich auf dem Weg befindet, unsere Prozessketten zu revolutionieren. Oder wie man heute sagt: den Markt disruptiv zu verändern.

Während die Welt also gerade dabei ist Blockchain zu inhalieren und der Masse greif- und begreifbar zu machen, reift bereits noch versteckt im Dunkel eine neue Technologie im Creative Lab des Internet heran, die von sich selber behauptet das Potential zu besitzen, das Internet, wie wir es kennen, grundlegend zu verändern. Diese neue Technologie für sich ist bereits faszinierend genug, in Verbindung mit Blockchain steckt hier allerdings enormes Potential.

IPFS, das InterPlanetary File System. Ziel dieser Technologie ist es, Informationen manipulationsfrei dauerhaft zur Verfügung zu stellen. Nicht mehr durch Einzelne oder Staaten kontrollierbar oder derer Zensur unterworfen. Permanent verfügbar ohne eine Möglichkeit sie zu blockieren. Gedacht, um totalitären Staaten die Möglichkeiten der Informationsmanipulation zu nehmen. Mit Möglichkeiten, die allerdings weit über diese ursprüngliche Idee hinausgehen.

Die erste medienwirksame Nutzung dieser Technologie gab es während der Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens. Die Anhänger Puigdemonts hatten all ihre Internetseiten in das IPFS hochgeladen, als die spanische Regierung damit gedroht hatte, deren Internetseiten abzustellen. So konnte das Gedankengut vor staatlichem Zugriff geschützt und weiterhin im Zugriff für die Öffentlichkeit behalten werden.

Während das klassische Internet eine zentrale Struktur aufweist, deren Inhalte und Verfügbarkeit  von denen kontrolliert werden, die einen Zugriff auf die Knotenpunkte der Internetverbindungen haben, die Server besitzen und die Domainnamensvergabe regeln, ist das IPFS dezentral organisiert. Keiner hat alles, jeder lediglich ein bisschen, das allerdings redundant auf viele verteilt und über Peer to Peer-ähnliche Technologie immer im Zugriff ohne die Möglichkeit durch das Kappen einer oder mehrerer Verbindungen den Weg zur Information zu versperren. Das macht es nicht nur attraktiv für von totalitären System drangsalierten Personen oder Organisationen, sondern schützt zeitgleich auch vor Manipulation durch Hacker oder Personen mit krimineller Energie. Dadurch, dass es ebenfalls keine starren Kommunikationskanäle nutzt, sondern sich auf jede Art von Datenverbindung einlassen kann, sagt man dem IPFS auch das Potential nach, eine komplett neue Art des Internets zu werden, das sich von dem heute bekannten World Wide Web grundlegend unterscheidet.

Blockchain besticht, neben der Prozessgeschwindigkeit, durch die manipulationsfreie Speicherung von Prozessschritten. IPFS besticht durch das manipulationsfreie Speichern von ganzen Datensätzen. Kombiniert man die beiden Technologien ergibt sich eine faszinierendes Potential künftiger Anwendungsszenarien.

Auf der Blockchain werden die Prozessabläufe hinterlegt, im IPFS die dazu gehöhrenden Informationen, Dokumente, Daten, etc.. Beides im permanenten Zugriff, nicht manipulierbar, und mit durch das System bedingter automatischer Redundanz und Versionierung.

So können nicht nur die Kaufabläufe mittels Blockchain sicher protokolliert und Aktionen und Prozesse durch Smart Contracts aktiviert, sondern auch die dazugehörige Dokumentation in Form von Verträgen, Unterlagen, etc. in der revisionssicheren Archiv-„Welt-Cloud“ gespeichert werden.

Durch die Systemarchitektur des IPFS werden auch keine Storage-Systeme im klassischen Sinne mehr benötigt, da theoretisch jedes am Internet angedockte System als Speicher genutzt werden kann. In der Welt der Internet der Dinge eine schier unversiegbare Quelle von Speicherplatz.

Natürlich gibt es viele Aspekte, die in einem solchen System bedacht werden müssen, alleine schon die vielfältigen Themen von Gesetzgebung, Haftung, etc.. Für das reine Betrachten der Möglichkeiten und ein Brainstorming des Potentials, das dahinterliegt, darf man das durchaus initial vernachlässigen. Die Ideen bringen den Proof of Concept, der Proof of Concept wird die Spreu vom Weizen trennen. Wer nicht über die Grenzen hinaus denkt, wird sich auf eine sehr stationäre Reise begeben.

Und wie ganz oben beschrieben befinde ich mich – mal wieder – in der Situation „Was machst Du da? Was ist das? Ich brauche das nicht….“. Mal sehen, wann es alle nutzen werden 😉